Der Hauensteiner Kastanienschuh - Interview mit Madame Ulla Falke

In Joyeuse, einem kleinen Ort im Kastanienparadies der Ardèche (ca. 80 Km westlich von Montélimar), ist Madame Ulla Falke engagierte und kompetente Museumsleiterin des bedeutendsten französischen Kastanienmuseums. In Frau Falke hatte das Deutsche Schuhmuseum Hauenstein schon vor Jahren  eine sympathische Beraterin gefunden, als es darum ging, den kostbaren Kastanienschuh von 1840  aus der Tillmann-Sammlung richtig einzuordnen.

 

Interview  mit  Madame Ulla Falke, der ehemaligen  Leiterin des Kastanienmuseums in Joyeuse (Frankreich)

Gesprächspartner Willy Schächter, Museumsleiter des Deutschen Schuhmuseums Hauenstein

Ihr Name, Frau Falke, klingt so gar nicht nach Südfrankreich und der südlichen Ardèche?!

Mein Mann und ich wohnten vorher im Elsass, und es zog uns in ein wärmeres Klima; in der Ardèche verliebten wir uns sofort in die alten Steine und liessen uns 1995 hier nieder. Die Edelkastanie hatte ich in den 80-er jahren erst kennen und lieben gelernt, und zwar in Italien.

Das Deutsche Schuhmuseum Hauenstein hat bei seinen Recherchen um den kostbaren Kastanienschuh schon vor einigen Jahren von Ihnen hervorragende Informationen zu diesem Exponat bekommen. Wie hatten die Ardèche-Bauern diesen eigenartigen Bauernschuh  bei der Kastanienernte eingesetzt und was bedeutet eigentlich der Begriff „soles“?

Die „soles“ wurden in den eher entlegenen Dörfern der Cevennen zum Entfernen der dünnen braunen Innenhaut (die „tan“) der getrockneten Edelkastanie benutzt. Man gab die getrockneten Kastanien in einen Holzbehälter oder auf die Erde, dann trat man sie wie die Weintrauben, entweder zu zweit oder zu mehreren im Kreis. Diese Arbeit geschah im genauen Rhythmus. Ihr erfolgreiches Ende : eine in den zu bearbeitenden Haufen Kastanien geworfene Geldmünze musste zum 2. Mal an der Oberfläche erscheinen, daran las man ab, dass die Arbeit getan war und man sich ausruhen konnte! Dies ist kein Märchen, sondern wurde mir des öfteren bestätigt von alten Ardèche-Bauern. Die „soles“ dienten somit dem „verfeinernden“ letzten Arbeitsgang, nachdem die Kastanien bereits mit anderen,  nicht minder schweren Geräten vorgeschält worden waren.

In der Ardèche hieß die Kastanie auch „Baum des Lebens“ oder „Brotbaum“. Was meinte man à l’époque damit?. War die Kastanie so wichtig im Jahreskreis der Bauern?

À l’époque, das war im Mittelalter; die Edelkastanie ersetzte hier das Getreide, für dessen Anbau in grossen Mengen es bei dem Terrassenanbau einfach keinen Platz gab, und die Kastanien waren ja da. So wurden sie zum Grundnahrungsmittel und das schönste Symbol dafür ist natürlich das Brot. Das Trocknen der Früchte war und ist die einzig mögliche Art und Weise die Edelkastanie in unserem mediterranen Klima lange Zeit aufzubewahren; um sie zuzubereiten, weicht man sie am Vorabend in Wasser ein, genauso wie andere getrocknete Gemüse oder macht Mehl daraus.

In Südfrankreich gibt es richtige Kastanien-Plantagen. Man nennt diese Kultur die castanéïculture und der Kastanienwald heisst Châtaigneraie. Seit wann gibt es die Kulturpflanze in Ihrer Heimat und wie groß ist heute noch die wirtschaftliche Bedeutung in der Süd-Ardèche?

Die Edelkastanie ist bereits vor 8-9 Millionen Jahren in der Ardèche heimisch gewesen; das beweisen heute Funde von versteinerten Kastanienblättern und Früchten. Später verlor sich infolge der Eiszeiten etc. die Spur des Baumes, und im Mittelalter fand man sie wieder in den Steuerbüchern : getrocknete Kastanien dienten als Zahlungsmittel für Steuern und Schulden. So wissen wir heute, dass die Kastanie spätestens seit dem Mittelalter diese besonders wichtige Rolle in der Ardèche spielte und auch, dass man sie zur Aufbewahrung trocknete. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts sprechen wir allerdings vom sog. Niedergang der Kastanienkultur in unseren Breiten, von den ehemals 60 000 Hektar gut unterhaltener Kulturen sind heute, nach etwas mehr als 100 Jahren, nur noch ca. 6 000 übrig.

Gründe dazu waren insbesondere :  1. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Edelkastanie teilweise durch den für die Seidenraupenzucht unerlässlichen Maulbeerbaum verdrängt. Mit dem durch die Seidenkokons verdienten Geld konnte man es sich dann leisten gutes Getreide einzukaufen, sodass die Edelkastanie als Nahrungsmittel an Bedeutung verlor.

2. Anfang des 20. Jahrhunderts dezimiert die sog. „Tintenkrankheit“ den Kastanienbestand erheblich. Sie wird durch einen Pilz hervorgerufen und kann bis zum heutigen Tag nicht behandelt werden, sodass der Baum langsam aber sicher abstirbt.

3. Ebenfalls Anfang des 20. Jahrhunderts wird das Tannin im Holz der Edelkastanie als bester Gerbstoff  in der Lederproduktion entdeckt, und es entwickelt sich eine blühende Industrie. Der  „Brotbaum“ wird zum „Tanninbaum“, und für die Eigentümer war es wesentlich rentabler die Bäume zur Tanningewinnung abzuholzen als sie wegen ihrer Früchte zu kultivieren. Die Rettung kam durch die Entdeckung des synthetischen Tannin Ende der 40-er Jahre. Dieses Tannin war preiswerter und verdrängte die natürliche Gewinnung : die letzte Tannin-Fabrik schliesst 1962.

Heute ist die Ardèche mit einer jährlichen Ernte von 5-6000 Tonnen der grösste Kastanienproduzent Frankreichs und liefert damit fast die Hälfte der Gesamternte des Landes

Sie haben schon einmal  das Deutsche Schuhmuseum Hauenstein besucht. Finden Sie im Aufbau und in der Zielsetzung Parallelen, was die Pflege des Kulturerbes betrifft?

Natürlich sind die vorhanden! Es geht uns allen ja darum, dass das Kulturerbe von lokalem oder nationalem Interesse erhalten und vermittelt wird. Dazu müssen wir es immerwieder neu beleben und aktualisieren, damit Geschichte Spass macht und Aufmerksamkeit weckt.

Nicht nur die „keusche Frucht“ ist ein hohes Kulturgut, sondern auch  das Holz des Kastanienbaums ist  von hoher Wertschätzung. Es soll ja auch den „castagnou“ geben, einen Keschde-Wein, der in Kastanien-Fässern reifte.

Bei uns ist der „castagnou“ ein Aperitif vergleichbar mit dem „kir“: Likör aus Edelkastanien, aufgefüllt mit trockenem Weisswein, oder die royale Variante mit Sekt – köstlich!

Was das Holz betrifft, wir verwenden es auch heute für Möbel. Die extravaganteren Stücke entstehen aus den Stämmen der veredelten Kastanie, die sich ganz von selbst mit zunehmendem Alter aushöhlt. Wir sind stolz darauf, in unserem Museum eine gesamte Kollektion zu besitzen. Übrigens: durch den Tanningehalt im Holz verfault dieses nicht, und Feuchtigkeit kann ihm nichts anhaben; ausserdem wird es nicht von Schädlingen befallen aus demselben Grunde, daher sind Dachstühle sehr oft aus Edelkastanie, und dann gibt es keine Spinnweben!

Die Kastanie ist bei Ihnen auch ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Wieviel Prozent der Bauern produzieren heute noch wie viel Tonnen und wie werden heute diese großen Mengen gehäutet und verarbeitet?

Der wirtschaftliche Wert der Edelkastanie in der Ardèche entspricht einer Vollzeitbeschäftigung für etwa 1000 Personen. Wir ernten heute etwa eine Tonne pro Hektar und das insbesondere mit Netzen wie bei der Olivenernte. 

Frau Falke, herzlichen Dank für das hochinteressante Interview


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