Zeitzeugen Im Deutschen Schuhmuseum Hauenstein:

Nazi-Arbeitsamt  vor  85 Jahren   Kaum zu glauben, das Nazi-Arbeitsamt  will jungen Mann entlassen lassen, weil er nicht zur HJ wollte
 

Manchmal sind es nur   die kleinen unscheinbaren Vermerke,   kurze amtliche Behördeninformationen oder auf den ersten Blick scheinbar nebensächliche Akteneinträge, bisweilen auf mehr oder weniger vergilbtem Papier, an dem  der Zahn der Jahrzehnte schon mächtig genagt hat. Erst das zweite Hinsehen und Reflektieren über die Nachricht lässt den Betrachter sieben oder acht Jahrzehnte später nachdenklich werden: „Das ist doch kaum zu glauben, dass es so etwas wirklich gab“, kommentierte dieser Tage  eine Museumsmitarbeiterin im Deutschen Schuhmuseum, als ihr  neben einigen alten Schuh- und Werkzeugutensilien aus den dreißiger jahren, die die Heimarbeiter vor dem Krieg brauchten, auch eine maschinengeschriebene Nachricht  vom 29.April 1936 übergeben wurde. Absender war das Arbeitsamt Pirmasens in der Bürkelstraße 33 und Adressat war die damals bedeutende Hauensteiner Schuhfabrik  Johann Naab, die von 1902 bis 1972 einer der größten Arbeitgeber im Schuhdorf Hauenstein war. Das mit „Heil Hitler“  unterschrieben Dokument des  Vorsitzenden des Arbeitsamtes  hatte zum Gegenstand „Die Einstellung von  jugendlichen Hilfsarbeitern“, und man muss den Text schon zweimal lesen, um die Paradoxie des 12zeiligen Schreibens aus der Nazizeit vor dem Zweiten Weltkrieg in ihrer kontraproduktiven Aussage zu erfassen: Während heute die Arbeitsämter mit allen Mitteln versuchen, junge Leute in Arbeit und Brot zu bringen, hat vor knapp 80 Jahren  das gleichgeschaltete Pirmasenser Arbeitsamt versucht, einen jungen Hauensteiner, der endlich zu Brot und Arbeit gekommen war, wieder vor die Tür zu setzen.

Das Schreiben, das heute anschauliche zeitgeschichtliche Einblicke in die Totalität des Naziregimes bietet, hat folgenden Wortlaut: „Der von Ihnen ( Fa. Johann Naab ) eingestellte Scheib Vinzens von Hauenstein war mit seinem Vater auf der Berufsberatungsstelle Pirmasens vorstellig geworden, um sich eine Zuweisungskarte für Ihren Betrieb aushändigen zu lassen. Vom Berufsberater wurde die Ausstellung der Karte abgelehnt, da sich der Vater weigerte, seinen Sohn in die Hitler-Jugend eintreten zu lassen…… Bei dieser Sachlage ersuche ich Sie die Einstellung des Scheib wieder rückgängig zu machen und einen der anderen als geeignet zugewiesenen Arbeitsanwärter einzustellen. Ich erwarte Ihre diesbezügliche Nachricht“, endet das mit einem kräftigen „Heil Hitler“  versehene amtliche Schreiben.

Die alles andere als nazi-freundliche Betriebsleitung der Firma Johann Naab, von der wir wissen, dass  die Verantwortlichen  erbitterte Gegner des neuen Regimes waren, haben den jungen Vinzens Scheib aus einer kirchentreuen kinderreichen Bauern-Familie  natürlich wie viele vom Regime benachteiligte Arbeitnehmer  behalten. Vinzens Scheib, der mittlerweile schon lange verstorben ist, musste wie alle seine jungen Altersgenossen in den Krieg, von dem er nach  Gefangenschaft zurückgekehrt, sofort wieder seine Anstellung bei seiner alten Firma Johann Naab erhalten hatte.

Das Beispiel zeigt jedoch auch nach vielen Jahrzehnten auf, wie schwer es regimekritische Familien hatten,  die sich weigerten, ihre Kinder von den Jugendorganisationen der rücksichtslosen Machthaber fernzuhalten, wobei  selbst das Arbeitsamt ein williger Vollstreckungshilfe gewesen war.

Bei der gleichen Exponaten und Dokumentenspende, die in einem alten Schuhkarton übergeben wurde, befand sich auch noch ein zweites  zeitgeschichtliches Dokument, das  das Leid gefallener junger Soldaten bei den Angehörigen widerspiegelt und ihnen in kaltem und bürokratischem Nazi-Amtsdeutsch den Bezug von Trauerkleidern „vermittelte“. Wir schreiben den 16. Oktober  1941, an den Fronten starben täglich Zehntausende junger Menschen den „Heldentod für Volk und Führer“. Praktisch mit der Todesnachricht, die der Postbote den Eltern und Geschwistern in einem formlosen Schreiben übermittelte und  fast in jedem Haus tiefe Trauer auslöste, bekamen die Angehörigen gleichzeitig eine „Bescheinigung für Abgabe von Trauerkleidung“, die vom örtlichen Wirtschaftsamt, in diesem Falle der Gemeinde Hauenstein  per Unterschrift und Hakenkreuzstempel ausgestellt wurde. Die „Bescheinigung“ berechtigte  zum freien Kauf von Trauerkleidung in einem Geschäft, in diesem Falle  bei Heinrich Barry („Weitlauf“) in  Landau gekauft worden ist. Auch hier  war genau festgelegt, was als Trauerbekleidung zu gelten hatte: für Frauen: „Ein schwarzes Oberkleid mit einem schwarzen Unterkleid oder einem schwarzen Rock mit einer schwarzen Buse oder einem schwarzen Pullover mit einem schwarzen Unterkleid…..einem Paar schwarzer Handschuhe aus Spinnstoffen…

Für Männer: eine schwarze Krawatte, ein Paar schwarze Handschuhe aus Spinnstoffen und zwei Trauerflore“.

Das war alles, was das Regime neben der Überbringung der Todesnachricht „Im Felde gefallen für Volk und Führer“  für die Angehörigen übrig hatte. In manchen Hauensteiner Familien kam diese traurige Nachricht  von gefallenen jungen Männern nicht nur einmal, sondern zweimal, in vier Familien sogar dreimal…..(ys) 




„Trauerkleidungsverordnung“ für die Angehörigen gefallener Soldaten. Das war alles, was der Nazu-Staat an „Mitgefühl“ zeigte,

Text und Fotos:Willy Schächter

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