„schuhe-chaussures“

 

Rund 10 000 Kunstinteressierte haben in den letzten Wochen das deutsch-französische Kunstprojekt „schuhe – chaussures“ im Deutschen Schuhmuseum Hauenstein gesehen. Nicht zuletzt wegen der großen Resonanz der in dieser Form bisher einzigartigen Kunstpräsentation auf zwei Museumsebenen wird die deutsch-französische Gemeinschaftsausstellung bis zum 31.Dezember 2008 verlängert (Öffnungszeiten täglich von 10 bis 17 Uhr).

 

18 bekannte französische  vorwiegend aus Paris stammende Künstler, die sich für dieses Projekt zu einer Initiative „Pointure 40“ (Größe 40) zusammengeschlossen hatten - Die Rheinpfalz berichtete - und die pfälzische Künstlerin Anne-Marie Sprenger (Lustadt) haben das Thema „Schuhe und Kunst“ in zahlreichen Facetten von der Malerei über Collagen bis hin zur Skulptur  verarbeitet und damit einen komplexen Beitrag über das  ewig junge Kultur-Sujet Schuhe zusammengetragen.

 

Die erstmals im Hauensteiner Museum  in dieser deutsch-französischen Form dargestellten Kunstobjekte haben  die Museumsverantwortlichen in den letzten Wochen veranlasst, eine rund dreißigseitige  Broschüre zusammenzustellen, die dieser Tage fertig gestellt  wurde  und seit  dem 1. November 2008 im Museumsshop für 2,50 Euro zu kaufen ist. Die sowohl in Form und Inhalt anspruchsvolle Projektbroschüre innerhalb der „Schriftenreihe aus dem Deutschen Schuhmuseum Hauenstein“ ist seit der Museumsgründung im Jahre 1996 die vierte Veröffentlichung in gebundener Form, die erstmals auch ein neues äußeres Erscheinungsbild in einem ansprechenden Format gefunden hat.

 

Neben einem grundsätzlichen Artikel über die „Kulturgeschichte der Fußbekleidung“ von Michael Andritzky - er zählt zu den Publizisten und Kunstwissenschaftlern, die das Hauensteiner Museum seit 1988 sehr stark beeinflusst haben - und  weiteren projektbezogenen Beiträgen  vermittelt die neue Schriftenreihe 4 auch fotografisch gelungene Reproduktionen der rund 120 Exponate, wobei alle 19 Aussteller zumindest mit einem Exponat und einer entsprechenden Kurzbeschreibung vertreten sind. Die Hauensteiner Felsenapotheke hat die im deutsch-französischen Outfit gefällig aufgemachte Kunstbroschüre gefördert, das Layout und die fotografischen Reproduktionen der neuen Schriftenreihe stammen von Christoph Riemeyer (Erfweiler). Das Museum schickt Interessenten die neue Hochglanzbroschüre auch gerne zu .

 

Info: 06392 /923334 0 , mail: info@museum-hauenstein.de  - web:  www.museum-hauenstein.de  

Zur Bildergalerie 

Foto:  Eines der markantesten Exponate der Ausstellung „schuhe-chaussures“ im Deutschen Schuhmuseum Hauenstein, die jetzt bis Jahresende verlängert wurde, ist diese durch raffinierte  Lichtgestaltung konzipierte Leuchtkasten - Komposition „temps libre“ (Freizeit) der Pariser Künstlerin Régine Bourdon. Das Kunstwerk ist auch in der soeben erschienenen neuen Projektbroschüre abgebildet.


Vernissage im Foyer des Deutschen Schuhmuseums Hauenstein

„Schuhe - Chaussures“ deutsch-französische Ausstellung 

Einführung von Dr. Matthias Brück (Landau):

Meine Damen und Herren, 

mit Schuhen ist es so eine Sache: sie werden stets mit Füßen getreten, verschmutzen, müssen zum Teil üble Gerüche annehmen…dann wiederum erzielen sie Höchstpreise, finden sich in umfangreichen Sammlungen meist weiblicher Besitzer, werden sogar zu Fetischen, bisweilen auch zu Risikofaktoren – nicht nur auf den berühmten roten Teppichen…

Zwischen Fußlappen und Stöckelschuhen, zwischen van Gogh’s
Holzschuhen und den gegenwärtigen Design-Entwürfen liegen Welten. Und so wundert’s nicht, wenn sich hier in deutsch-französischer Begegnung Künstlerinnen und Künstler diesem Thema in faszinierender Vielfalt angenommen haben. – Die jeweiligen Ansätze sind natürlich subjektiv und damit grundverschieden. Treffen sie doch auf ein fast unübersehbares Angebot an Möglichkeiten: Der Schuh als Objekt der Begierde, der schmücken, Aufsehen erregen soll. Der Schuh als Garant zum sicheren, geschützten Fortbewegen, der Schuh für sportliche Höchstleistungen. - Oder denken Sie an mögliche historische Reminiszenzen wie die römischen Legionärssandalen, an Militärstiefel oder die Ballerina-Schläppchen, ohne dabei die berühmt berüchtigten Pantoffel zu vergessen…

Alle diese Beispiele – man könnte mit ihnen ein Lexikon füllen – betonen die Funktion, die Verwendbarkeit dieses Phänomens.

Philosophisch an Martin Heidegger angelehnt, dokumentieren, betonen sie die Zuhandenheit, den Gebrauch… 

Aber es existiert auch eine zweite Annäherung, nämlich den Schuh in seiner reinen Vorhandenheit zu begreifen. Das heißt, ihn ohne die genannten Funktionen, ohne seinen herkömmlichen Zweck anzusehen. –
 

Nun meine Damen und Herren,

mir scheint, Anne-Marie Sprenger hat diesen Weg zumindest annähernd  eingeschlagen, indem sie ihre roten Schuhe aus dem üblichen Kontext herausgenommen hat, um die Wahrnehmung des Betrachters allein auf das Objekt „Schuh“ zu konzentrieren…

So verliert dieser Gegenstand seine ursprüngliche Bedeutung, stellt sich gewissermaßen frei, wird fast zu einem ästhetischen Prototypen, zu einer Idee des Schuhes. – Oder er wird – analog zum Regal – in einem Plexiglasturm geschichtet, der den Warencharakter betont, zu dem man allerddings kaum einen emotionalen Zugang aufbauen dürfte.

Doch dann nimmt die Künstlerin diesen radikalen Ansatz wieder etwas zurück. Nähmaschinen, Steppmaschinen zeigen das Schuhwerk in einem abstrahierten Arbeitsprozess. – Und nach und nach, löst sich auch diese Synthese in fast gegenstandslosen, in inhaltsfreien Räumen auf… der Mensch indes bleibt verborgen…

Meine Damen und Herren, 

die französischen Künstlerinnen und Künstler scheinen mir fast alle einen anderen Weg, eine andere Form der Begegnung gesucht und gefunden zu haben. – Denn bei ihnen steht stets – direkt oder indirekt – der Mensch in seinen gesellschaftlichen Bezügen oder seiner existentiellen Situation im Vordergrund. Der Schuh selbst wird häufig zum Mittel der Interpretation, zum erhellenden Moment, um aktuelles wie historisches Geschehen zu begreifen. – Nun werden Sie verstehen, dass es aus Zeitgründen unmöglich ist, all’ diese Kunstschaffenden ausführlich vorzustellen. Deshalb beschränke ich mich nur auf einige – die anderen mögen mir es nachsehen…

Nehmen Sie das Folgende einfach als kleinen Apéritif, bevor sie sich dem künstlerischen Hauptgang widmen, der Sie hier in vielfältiger Weise erwartet. - 
Für Liliane Padoy-Chevreau erlauben die Schuhe einen kritischen Gang durch die Geschichte, deuten sie als Indiz für die jeweilige gesellschaftliche Stellung. – Status-Symbole bis zum heutigen Tag. -

Bei Dominique Michon werden sie zum Garanten eines Reisens durch Zeit und Raum, durch eine Welt des Lichtes und des Schattens, der Mystik, was letztlich zu Orten der Meditation führen kann.

Christel Claudius behütet ein Paar Schuhe aus dem Jahr 1937 in einer Art von „Erinnerungskästchen“ in dem Familienphotos und Zeitschriften aus dieser Zeit sich zu rückwärtsgewandten Träumen verwandeln. Eine besondere Weise des Bewahrens. -

Auch die Schuhe von Thirsta Ullmann erzählen Träume und jeder ihrer Schritte – ob beschuht oder mit nackten Füßen – lässt sie neue Welten entdecken oder stellvertretend ihr eigenes Leben. – Francoise Gasser verdichtet die Spuren von Autos, Menschen und der je unterschiedlichen Witterung auf einem Fußgängerstreifen zu einem fast düsteren Gesamtbild unseres Daseins und seiner Vergänglichkeit…

Ganz anders Pascale Louis: sie verlässt gewissermaßen mit ihrer Leiter-Installation die Schwere des Irdischen, verheißt einen Weg ins Licht, in das Erfahren von Transzendenz. – Und während Bernard Beaudonnet Wege aus dem Chaos suggeriert,  transformiert Isabelle Palenc Teile von Unfallautos überraschend zu eigenartigen Pantoffeln, die materiale Härte mit intimer Weichheit ironisch verbinden… 

Meine Damen und Herren,

es bleibt höchst bemerkenswert, dass das Schuh-Museum in Hauenstein immer wieder diesen künstlerischen Aneignungen den entsprechenden Raum und Rahmen garantiert.

Und es ist schier unglaublich, welche ungeahnten Assoziationsmöglichkeiten, welche Deutungen das Thema „Schuh“ auslösen kann, wie es die Exponate der Gruppe „Pointure 40“ und die von Anne-Marie Sprenger hier dokumentieren. – Wenn Sie also künftig in Ihre Schuhe schlüpfen, werden Sie das vielleicht mit einem ganz neuen Gefühl der Aufmerksamkeit tun…

Und um dieses Gefühl nicht zu verlieren, haben Sie hier die Gelegenheit zu einem Schuhkauf der besonderen Art: Schließlich sind die hier ausgestellten Arbeiten ja käuflich zu erwerben…

 

(Dr. Matthias Brück)

 

Zur Person:

Dr. Matthias Brück (Jahrgang 1949) ist  Kulturwissenschaftler  und Kunstphilosoph und lebt in Landau in der Pfalz. Er ist der Enkel des  feinsinnigen Pfälzer Literaten und Dichters, volksnahen Apothekers und  auch heute noch hochgeschätzten langjährigen Hauensteiner Mitbürgers Lorenz Wingerter (1890 -1969). Dr. Matthias Brück verbrachte bis 1957 einen Teil seiner Kindheit in Hauenstein und erlebte als Kind das emsige Leben des Schuhdorfes mit 35 Schuhfabriken.



Kids on Tour Kinderrallye


Dana I. zur "Deutschen Schuhkönigin" gekrönt


Geschenkidee: Hochwertiger Geschenkgutschein


Unsere Facebook-Seite
Öffnungszeiten


Preise, Preisnachlässe und Kontaktinformationen finden Sie unter Info.  

Mediathek

In unserem "Digitalen Museum" finden Sie interessante Filme, eindrucksvolle Bildergalerien sowie einen virtuellen Rundgang durch das Museum!


Wetter
Anfahrt
Externe Links