„AUF SCHUSTERS RAPPEN - DER WANDERSCHUH IM WANDEL DER ZEITEN“


Als im Jahre 1913 der Hauensteiner Pfälzerwaldverein  gegründet wurde,  gab es in der Region Pirmasens und Hauenstein schon mehr als zwanzig Jahren  „Fabrik-Wanderer“, die von Annweiler, Gossersweiler, Erfweiler, Spirkelbach und vielen anderen Gemeinden  jeden Tag  sich in aller Herrrgottsfrühe und bei Wind und Wetter auf den Weg machten, um pünktlich um sieben Uhr  am Arbeitsplatz in Hauenstein zu sein. Das waren „Wanderwege“, die zwei und mehr Stunden einfachen Weges jeden Tag  auf Schuhen aller Art zurückgelegt wurden. Ein hohes Lied für diese Fabrikwanderer, die auf Teilstücken der heutigen Freizeitpremiumwegen Wandern und Arbeiten eng miteinanderverknüpft haben. Es waren Tausende in mehreren Generationen.

Für diese einfachen Menschen, die abends noch ihre Felder bestellten, war der tägliche Arbeitsweg  genug:  Am Sonntag stellte man nach solchen Mühsalen einer harten Woche gerne mal  die Füße unter den Tisch. Und dennoch begann auch hier im Wasgau  das Wandern als gemeinschaftsförderndes Naturerleben in der Gruppe  in dieser Zeit. 1913 wurde im Zuge vieler Neugründungen in der Pfalz auch in Hauenstein ein eigener Pfälzerwaldverein gegründet. Was lag  näher für den rührigen Verein in der Schuhgemeinde anlässlich des Jubiläums auch eine Sonderausstellung im Deutschen Schuhmuseum anzuregen „Der Wanderschuh im Wandel der Zeiten“.

Wenngleich das Hauensteiner Museum bereits eine größere Anzahl von „Wanderschuhen im Wandel der Zeiten“ im Fundus hat, haben die Veranstalter von vielen Wanderfreunden und Sammlern aus vielen Orten mannigfache Wanderutensilien  erhalten.  Der Ideengeber zu dieser besonderen Ausstellung, PWV-Vorsitzender Raymund Burkard: „ Unser 100jähriges Jubiläum will mit den Wanderschuhen, die viele Tausend Wanderfreunde in mehreren Generationen durch den Pfälzerwald führten, gerade auch im Schuhdorf und im Schuhmuseum ein Zeichen setzen, denn  Wanderschuhe  sind  heute mehr denn je  zu einem  wichtigen Utensil  der Wanderer geworden“.

Bei den eigenen Recherchen  zur Jubiläumsausstellung im Jahrhundertjahr  des Hauensteiner Pfälzerwaldvereins  stieß das Museum auch auf eine ganz besondere Komponente der Wandererfreunde in der ersten  Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die Wandergruppen, die  damals schon sonntags ihre teilweise  15 bis 20 Kilometer  in den Pfälzerwald zurücklegten, waren sehr akkurat gekleidet, viele Männer sieht man  mit „Krage un Schlopp“ und was besonders auf alten Abbildungen zu sehen ist, die Schuhe sind meist auch der besseren Art, auf jeden Fall  nicht so sehr tauglich für den eigentlichen Wanderzweck.

Die Geschichte  der Wanderschuhe  ist nämlich noch nicht sehr alt und hat sich erst in den letzten Jahrzehnten  zu einem eigenen Schuhwirtschaftszweig entwickelt. „Noch bis in die fünfziger und sechziger Jahre gab es diese Schuhform noch überhaupt nicht“, meint  Ernst Tillmann (88) aus Viersen, einer der profundesten Kenner der deutschen Schuhkultur und Namensgeber der Hauensteiner „Ernst Tillmann-Sammlung“ mit allein 3 888 Paar Schuhen. Man  habe  bis zur Entwicklung einer eigenen großen Wander- und Sportschuhindustrie in den letzten Jahrzehnten  „Schuhwerk jeder Art“ benutzt, um die immer stärker werdende  Lust am Wandern  zu stillen. Anfänglich seien dies auch Halbschuhe und Arbeitsschuhe gewesen. „Wochentags hat der Wanderer die „Wanderschuhe“ bei der Arbeit oder auf dem Feld  getragen, am Sonntag  schnürte man diese Allzweckschuhe zu Wanderstiefeln, meinte Tillmann, in dessen Sammlung  sich  auch kombinierte Wander- und Skischuhe befinden, wie wir sie aus den vierziger Jahren und in der Nachkriegszeit  her kennen. „Die Wanderschuhe waren lange Jahrzehnte Allzweckschuhe inmitten von Notzeiten, bis in der Wirtschaftswunderzeit eine neue Schuhform wurde, die heute riesige Umsätze schreibt., meint Tillmann.

Wenn man noch weiter zurückgeht, wird der „Wanderschuh im Wandel der Zeiten“ noch augenfälliger. Der Leiter der Hauensteiner  Mittelalter-Schuhabteilung Frank Becker (40) aus Saarbrücken: „Im Mittelalter gab es dieses Genre überhaupt nicht. Selbst die  Santiago de la Compostela-Pilger des Mittelalters hatten   kaum strapazierbare Schuhe an“. Becker vermutet, dass die mittelalterlichen Pilger sich entlang des Pilgerwegs sich  ihre „Schuhe“ immer wieder flicken ließen oder sich mehrere Paare neu erstanden. „Das Pilger-Schuhwerk  war den Strapazen der monatelangen  Pilgerfahrt nicht  angemessen“, sagte der mittelalterliche  Schuhspezialist aus Saarbrücken.  Dagegen verfügt das Museum über ein Paar  Pilgerwanderschuhe, die der französische St.Jakobspilger  und Leiter des Schuhmuseums St. André de la Marche, André Dixneuf (73)  auf seinem rund 1 800 Kilometer Pilgerlauf  mehrere Monate tagtäglich am Fuß hatte, „ich lief am letzten Tag so gut wie am ersten“,  warf  André Dixneuf  ein Schlaglicht auf die höchste Qualität heutiger Wanderschuhe.

 Das Museum verfügt über zahlreiche  alten Fotos, die zeigen, dass das Wandern auch innerhalb des Vereins ein gesellschaftliches Ereignis war, zu dem auch eine entsprechende Kleidung zählte.

Ein halbes Jahrhundert genügte aber, um innerhalb der Wander- und Sportbewegung eine revolutionäre Entwicklung  zu schaffen, wobei Schuhmodelleure, Wissenschaftler und Ärzte immer bessere und leichtere „Wanderschuhe“  kreierten. An dieser rasanten Entwicklung zum sportlichen bequemen und leistungsfähigen modernen Wanderschuh ist übrigens  auch eine Hauensteiner Schuhfabrik deutschlandweit an vorderer Stelle beteiligt: Die  Firma „Lugina“, die heute mit großem Erfolg im benachbarten Schwanheim produziert, war schon vor Jahrzehnten  auf der richtigen Wanderspur, als sie die  Marke „Waldläufer“ zu einer der bekanntesten Marken  avancieren ließ, die auch heute noch höchstes Ansehen genießt.

Je intensiver sich die Verantwortlichen  man sich mit dem Thema „Wanderschuhe im Wandel der Zeiten“ befasst , um so spannender wird  dieses  besondere  „Schuhkapitel“.  Manchmal hängt auch noch eine eigene Geschichte an den Wandertretern, die nicht selten mitten bei der Wanderung ihren Geist aufgaben. Das ist das Salz in der Suppe  dieser besonderen Ausstellung, bei der natürlich auch „prominente“ Wanderschuhe von Helmut Kohl, Luis Trenker und Heiner Geißler zu sehen sein werden.  Aber die einfachen Wandertreter der einfachen Wanderer aus 100 Jahren  erzählen  viele spannende und lebendige  Geschichten in einer ebenso lebendigen Sonderausstellung. Erst in der vergangenen Wochen stießen die Museumsverantwortlichen auf einen ganz besonderen „Wanderschuh“, der als  Zeitzeuge für eine ganz  andere Facette der Vielschichtigkeit des „Wanderns“ hinweist: Rein  äußerlich ist es ein  typischer Wanderschuh, Oberleder Waterproof  mit Ledersohle holzgenagelt, Spitze mit Metallkrampen, Verschluss Agraffen und Ösen. Die  traurige Wanderung vor  knapp 70 Jahren vollzog  sich aber nicht in der Freude des Wandersports durch grüne Wälder und Felder, sondern auf der Flucht  in einem Flüchtlingstreck  im Januar 1945 bei mehr als 21 Grad Minus  über das zugefrorene Frische Haff- Frische Nehrung. Die „Wanderschuhe wurden von einem damals 16 jährigen Mädchen getragen. „Hätte meine Tochter nicht diese stabilen Schuhe bei der Flucht getragen, hätte sie möglicherweise die furchtbaren Strapazen nicht überlebt“, sagte die längst verstorbene Mutter des Flüchtlingsmädchens zu  Ernst Tillmann, in dessen Sammlung heute dieser „Wanderschuh“ als „Flüchtlingstreck-Schuh von 1945“ einen besonderen Stellenwert einnimmt. Auch  das  ist die Geschichte von Schuhen, mit denen wir Menschen  durch alle Höhen und Tiefen durch das Leben „wandern“. 

(Museumsleiter Willy Schächter)

 


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