Sammlung im Deutschen Schuhmuseum Hauenstein

 

Ernst Tillmann, Sammler und Restaurator aus Viersen: „Schuhe waren mein Leben“

Die Schatzkammer des Schuhmuseums trägt seinen Namen:

Seit kurzem geht es jetzt auch ganz bequem in die „Schatzkammer“ des Deutschen Schuhmuseums Hauenstein. Der neue Gläserne Aufzug, der auch einen herrlichen Blick in die schöne Wander- und Felsenlandschaft des Luftkurortes ermöglich, trägt die Besucher bequem hinauf in das Herzstück dieser berühmten Kollektion. Die europaweit größte private Schuhsammlung befindet sich in der Tat mit insgesamt 3 600 Paar Schuhen „aus zwei Jahrtausenden und allen Kontinenten“ im Deutschen Schuhmuseum Hauenstein. Ernst Tillmann (Jahrgang 1924) aus Viersen hatte sein bedeutendes Lebenswerk anlässlich seines 80.Geburtstages dem Deutschen Schuhmuseum in der Pfalz übergeben, wo das Vermächtnis des weltweit bekannten Sammlers für immer einen zentralen Platz gefunden hat. Den Ankauf der außerordentlich umfangreichen und wertvollen Sammlung war durch die Kulturstiftung der Sparkasse Südwestpfalz und durch den Landkreis Südwestpfalz ermöglicht worden.

Mit Schuhen hat Ernst Tillmann nicht nur sein ganzes Berufsleben lang zu tun gehabt. Schuhe aller Art sind auch seine Passion. Für seine einmalige Sammlung hat er sich in der ganzen Welt auf die Suche nach historischen und ausgefallenen Fußbekleidungen gemacht. Schuhe sind seine Leidenschaft, für sie „geht er meilenweit“, auch heute noch. Als gelernter Schuhkaufmann, Schuhmacher und vereidigter Schuhsachverständiger hat Ernst Tillmann schon immer einen großen Teil seines Lebens dem Kulturgut Schuhe gewidmet. Richtig angefangen hat dann alles – wie so oft bei Sammelleidenschaften – aber doch eher zufällig: Ein Paar Damenschnürstiefel waren es, die Ernst Tillmann, der aus einer ostpreußischen Schuhmacherfamilie stammt, vor rund fast einem halben Jahrhundert bei einem Bummel durch die Bremer Innenstadt ins Auge fielen. Sie waren der Beginn einer  professionellen Leidenschaft. Auf seinen vielen Reisen „fahndete“ Ernst Tillmann seitdem nach seltenen Stücken, und auch seine Freizeit widmete er den ausgefallensten Fußbekleidungen. Bis nach Afrika und China – vom europäischen Ausland ganz abgesehen – hat ihn das Interesse für Schusters Rappen getrieben. Heute geben über 3 600 Paare und Einzelschuhe einen beispielhaften Überblick über die Entwicklung der Schuhmode und des Schuhs als  Kulturgut und Bekleidungsstück gleichermaßen.

Doch Ernst Tillmann begnügte sich nicht allein mit dem Zusammentragen historischer Schuhe. Er verwendet zudem viel Zeit und Mühe auf die sorgfältige Restaurierung seltener Stücke. Großen Wert legt der Sammler darauf, diese Reparaturen mit Originalmaterialien durchzuführen, „wobei es manches Mal gar nicht so einfach war, das entsprechende Stück Leder oder die originalen Schnürsenkel zu beschaffen“, erläutert Tillmann sein ausgeprägtes Bestreben nach Authentizität und Echtheit seiner Exponate. Doch auf seinen Reisen und nicht zuletzt auch durch seine vielfältigen Geschäftsbeziehungen fanden sich neben neuen Ausstellungsstücken auch immer wieder die nötigen Reparaturmaterialien.

Mittlerweile bietet Ernst Tillmanns Sammlung einen vielfältigen Querschnitt durch die „schuhliche“ Entwicklung der Jahrhunderte: von der Römersandale über Steigbügelschuhe und amerikanische Cowboystiefel bis zu Charleston-Pumps und 70er-Jahre-Stiefeln mit Plateauabsatz, vom Luxusschuh über den deutschen „Notschuh“ aus dem Zweiten Weltkrieg bis zu dessen modernem Gegenstück aus Brasilien, einem Mokassin mit Sohlen aus alten Autoreifen.

Dem Betrachter der Sammlung wird auch deutlich, dass gesundheitliche Aspekte in der Schuhmode erst in den vergangenen 50 bis 60 Jahren wirklich (wieder) berücksichtigt wurden: Denn – wie in so vieler Hinsicht – waren die Römer zu ihrer Zeit (und vor ihnen wiederum die Hetiter) schon sehr fortschrittlich „beschuht“. Sie unterschieden ihre Schuhe schon nach rechts und links, zogen das Leder also über zwei verschiedene, „zweiballige“ Formen, die so genannten Leisten. Diese Errungenschaft des Schuhmacherhandwerks kam ausgerechnet während der Völkerwanderung unter die Räder, als viele römische Kulturtechniken in Vergessenheit gerieten. Und es dauerte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts,bis man wieder rechte und linke Schuhe herstellte.

Der entscheidendste Fortschritt in den Jahrhunderten dazwischen war eigentlich nur die „Erfindung“ des Absatzes und seine allmähliche Einführung seit dem 17. Jahrhundert. Wie Schuhe dennoch Geschichte machen können, zeigt die Französische Revolution: Die bis dato verbindlichen Standestrachten wurden abgeschafft, einfache Holzschuhe, französisch „sabots“, fanden im Volk sofort weite Verbreitung. Ihre Träger machten in der Folgezeit  - kräftig mit ihren sabots trampelnd – derart von sich reden, dass man seitdem von Saboteuren und Sabotage sprach. Dass Schuhe manchmal „drücken“, weiß der Volksmund. Dass sie aber auch zu einem regelrechten Marterinstrument werden können, wurde in China leider bewiesen. Erst 1911 wurde offiziell verboten, was chinesische Mädchenfüße künstlich klein halten und so „verschönern“ sollte: Gin-Lien-Schuhe, in welche die Füße vier- bis siebenjähriger Mädchen, mittels nasser Lappen zusammengebunden und unter großen Schmerzen verformt und verkrüppelt wurden. Auch wenn es rational nicht nachvollziehbar ist, in China galten fast 1 000 Jahre lang die verkrüppelten kleinen Füße als Schönheitsideal: Je kleiner die Füße, um so größer die  Heiratschancen und der damit verbundene soziale Aufstieg in die höchsten Kreise der kaiserlichen Gesellschaft.

Das Deutsche Schuhmuseum Hauenstein, das bereits kurz nach seiner Eröffnung im Jahre 1996 eine besondere Auszeichnung beim Europäischen Museumspreis erringen konnte, hat mit der Präsentation der „Ernst-Tillmann-Sammlung im Deutschen Schuhmuseum“ eine bedeutende Qualitätssteigerung gefunden, das auf mehr als 2 500 Quadratmetern eine anschauliche und anspruchsvolle Zeitreise in die Welt der Schuhe gefunden hat. Mehr als 150 000 Besucher haben mittlerweile die Ernst-Tillmann-Sammlung auf der Erlebnisebene 4 im Deutschen Schuhmuseum besucht, ein besonderes Markenzeichen für alle, denen das Kulturgut Schuhe gerade in dieser klassischen Schuhregion zum besonderen Erlebnis wird.

Foto: Ernst-Tillmann, der wohl bedeutendste europäische Schuhsammler. Seine gesamte Sammlung  mit insgesamt 3600 Paar Schuhen aus allen Epochen besitzt die gleichnamige Sammlung in Hauenstein.

(Dieser Artikel erschien im "Marktplatz Regional")

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